Bindungsorientierung in Kürze

Die bindungsorientierte Erziehung (bzw. Begleitung) wird auch beziehungsorientierte oder bedürfnisorientierte Erziehung genannt und stammt aus dem englischen Attachment Parenting. In den 1980er Jahren wurde der englische Begriff durch den amerikanischen Arzt William Sears geprägt.
Kurz gesagt geht es dabei darum, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und sie ernst zu nehmen. Natürlich geht es bei der beziehungsorientierten Erziehung nicht ausschliesslich um die Kinder, sondern um alle Familienangehörigen, also auch die Eltern. In unserer Gesellschaft ist es allerdings üblich, dass die Erwachsenen sehr wohl ihre Bedürfnisse kundtun und für sie einstehen - die Kinder können dies noch nicht und benötigen den feinfühligen Einbezug der Eltern. Aus diesen besagten Gründen geht es mir hier in erster Linie um die Kinder.
Kinder kommen völlig vulnerabel (verletzlich) und noch ohne Kompetenzen zur Welt. Wenn ein Baby schreit, stärkt es nicht seine Lunge, wenn man es schreien lässt, sondern benötigt die prompte Zuwendung seiner Bezugspersonen, die sich feinfühlig bemühen, den Grund für das Schreien herausfinden. Dabei kann es sich um Hunger, Durst, Müdigkeit, eine volle Windel, Unwohlsein oder schlicht um das Bedürfnis nach Nähe handeln. Durch den nahen Körperkontakt verweichlichen die Kinder nicht. Im Gegenteil: sie werden gestärkt. Sie können sich über die Mutter oder den Vater regulieren und empfinden durch die Nähe zu ihren Bezugspersonen Sicherheit. Ihr Nervensystem entspannt sich. Anfangs sind sie noch völlig abhängig von anderen und unfähig, sich selbst zu versorgen. Neugeborene können noch nicht einmal den Kopf selbst heben und sind ohne die Versorgung durch Erwachsene nicht überlebensfähig. Die Welt ist für ein abhängiges Baby aus dieser Perspektive zunächst eine bedrohliche Umgebung. Durch die verlässliche Zuwendung und den liebevollen Umgang erfährt es Urvertrauen und Sicherheit. 

Angst vor kleinen Tyrannen?

Viele Eltern (bzw. Grosseltern und das soziale Umfeld) befürchten, durch eine beziehungs- bzw. bindungsorientierte Erziehung kleine Tyrannen grosszuziehen, die ihnen auf der Nase herumtanzen. Das Gegenteil ist tatsächlich der Fall: Sind die grundlegenden Bedürfnisse eines Menschen erfüllt, ist sein Nervensystem entspannter, der Mensch zufriedener und gelassener. Und nicht zuletzt auch gesünder. Auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen ist nicht gleichbedeutend damit, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Wünsche und Bedürfnisse sind nicht gleichbedeutend. 

Warum ich Bindungsorientierung für wichtig halte

Wenn die Bindung intakt ist, geht so Vieles einfacher. Denn Bindung bedeutet in Beziehung zu stehen. Und wer in Beziehung steht, fühlt sich gesehen und wahrgenommen als der Mensch, der er ist. Es bedeutet, auch dann akzeptiert zu werden, wenn man unterschiedlicher Meinung ist.
Es bedeutet nicht, dass dadurch die Kinder automatisch immer "gehorchen". Kinder werden auch innerhalb der bindungsorientierten Erziehung ihre typischen Entwicklungsschritte machen, einschliesslich der Autonomiephase (früher Trotzphase). Diese dient dazu, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Bei wohlwollender Begleitung werden Kinder mit der Zeit lernen, sich im sozialen Gefüge in gesunder Weise anzupassen. Und das wollen sie grundsätzlich auch. Kinder wollen kooperieren. Wenn sie es nicht tun, haben sie Gründe dafür. Der Perspektivwechsel zum Kind kann hier wahre Wunder wirken und bringt Verständnis dafür, warum es sich gerade auflehnt. 
Eltern werden auch in der bindungsorientierten Erziehung immer wieder an ihre Grenzen stossen. Es ist ein zeitaufwändigerer und intensiverer Weg als andere Wege - jedoch nur anfänglich. Denn auf Dauer trägt dieser Weg Früchte, die von respektvollem Miteinander und zu einer emotional gesünderen Generation führt. Davon bin ich überzeugt.